Freier Wille ?

Die Freiheit existiert, und auch der Wille existiert; aber die Willensfreiheit existiert nicht, denn ein Wille, der sich auf seine Freiheit richtet, stößt ins Leere". Thomas Mann

Der freie Wille

Für mich ist der Freie Wille eine Idee, der wir in unserer Kultur nahezu unbemerkt anhaften, ohne diese Idee in ihrer Bedeutung und Konsequenz zu realisieren. Wenn Du meine Haltung teilst, wirst Du hier nix Überraschendes finden. Wenn Du die illusionäre Idee für eine gute Beschreibung Deiner Realität hältst, wirst Du Dich sehr öffnen müssen, um Dich vom Sinnwind des Textes durchlüften zu lassen. 

Ich will versuchen für mich und Dich einen Erkenntnisweg aufzuzeichnen, der die Idee des freien Willens nutzt, um über die Einsicht in dessen illusionäre Verkennung zu der demütigen und qualvollen Gewißheit zu gelangen, dass ich keinen freien Willen habe. Dort unten angelangt – ein deprimierendes fieses DeterministenScheißFatalismusGefühl – geht es hinauf zu ungeahnten Höhen – das geile Gefühl tatsächlich – also wirklich – frei zu sein. Frei davon etwas tun zu müssen, was nicht den Gesetzen dieses Universums (oder Gottes) genügt. Frei zu sein, keinen Widerstand mehr leisten zu müssen. Auch nicht dem Widerstand (hoho). Frei davon, jemanden darstellen zu müssen. Frei davon, mir die Welt und mich besser vorzustellen und zu wünschen, als sie ist, um dann an der unabänderlichen Realität kraftzehrend zu leiden. Frei davon FreiSeinZuWollen. Maximale Gebundenheit ist maximale Freiheit. Frei davon, aus Freiheit und Gebundenheit weiter ein Ding zu machen. No Thing.

Niemand ist mehr Sklave, als der sich für frei hält, ohne es zu sein.    ( J.W.v. Goethe )

Ist der Satz nicht ein Hammer. Wie verstehst Du ihn? Und wie liest Du ihn? Schon klar: N-i-e-m-a-n-d_i-s-t_m-e-h-r_S-k-l-a-v-e …So ging es mal los. Buchstabieren. Dann Worte. Dann Sätze. Und immer war sowohl in den Buchstaben, als später in den Worten und schließlich in den Sätzen mehr drin als draufstand. Jetzt liest Du Goethes Satz und dahinter, darin und dazwischen verbirgt sich ein Universum.

Hast Du beim Lesen beobachtet, wie Dein Verstand die Buchstaben, die Wörter, den Satz, den Kontext Deiner Lesesituation sowie Deines Verhältnisses zu mir dem Schreiber und eventuell meine und Goethes Absicht dekodiert hat? Hast Du, Lesender, selbst gelesen? Wer war es? Waren es Deine Augen? Was hast Du – Du, sich frei wähnender Geist – zum Prozeß der letzten Sekunden im Erleben Deines Klebens an diesen lächerlichen und bedeutsamen Zeilen beigetragen? Hast Du Dir Deine distanzierende ablehnende verteidigende Skepsis frei gewählt? Hat Dich mein „dem Sinnwind öffnen“ tatsächlich geöffnet und hast Du dieser Öffnung zugestimmt? Hallo, Du Wahnsinniger, Du mußt mir (oder wer stellt hier die Frage – bist Du es gerade nicht selbst – Deine lautlose Lesestimme im Kopf, die Dich da fragt?), also, Du Verrückter, lass Dich nicht dummachen, sondern schlaumachen von mir, den Buchstaben, und antworte uns allen gefälligst. Und es geht hier nicht darum, was Du glaubst oder meinst, wie es ist, sondern was Du erlebst, wie es ist. Es geht um die pure Erfahrung! Wahrnehmung. Der Unterschied zwischen dem, was wir glauben, wie es ist und dem, was wir beobachten können, wie es ist, ist krasser, als wir es sehen können. Hast Du dem Öffnen Deines Geistes oben im ersten Absatz vor 30 Sekunden zugestimmt oder nicht? War das eine freie Wahl? Du sagst „JA“. Mensch. Lies weiter. Sind hier alle verrückt geworden, oder was? 

Hast Du beim Erfahren Deines Lesens auch das weiße Papier oder den leuchtenden Bildschirm gewahr gehabt? Und hattest Du omnipotenter Kontroletti ebenso auf „Deinem Schirm“, wo das Gelesene und dessen Sinn aufgetaucht ist? In Dir offenbar? Wo da? Und welche Beschaffenheit hat der wahrgenommene Sinn? Teilchen? Welle? Energie? Information? Und überhaupt – über all das willst Du Bescheid wissen und auch noch frei verfügen – ich könnte hier schon aufhören, oder? Bist Du jetzt angepißt oder was? Du behauptest, einen freien Willen zu haben. Mußt nicht weiterlesen. Ist mir egal. Ich bin mit dem Schreiben längst fertig, während Du hier noch lesen mußt. Mußt? Oder bist Du auch so ein thinkpositiv-Selbstbescheißer, der meint er darf und muß nicht?

Mir geht es auch nicht anders. Wenn ich hier scheinbar mit Dir, Leser, ringe, sind es letztlich nur meine eigenen Dämonen. Kannst Du wählen, diese Dämonen nicht zu Deinen zu machen?

Wenn Du meine Erfahrung teilst, den freien Willen als nur existierende Illusion für real anzunehmen, dann verstehst Du hier jedes meiner Worte und auch zwischen den Zeilen atmest Du nichts Fremdes. Wenn Du den freien Willen nicht für eine reale Illusion sondern für eine tatsächlich gute Beschreibung Deiner Realität hältst, liest Du hier in einer Weise, die mir fremd geworden ist. Obwohl ein Großteil meines Denkens weiter mit der Freiheitsillusion untrennbar verknüpft ist. Ist Dir meine Sicht fremd? Und auch vertraut?

Was kann das bedeuten, wenn wir – ich als der, der es geschrieben hat und Du, der Du hier liest – zu diesem Thema so unterschiedlicher Meinung sind? Ich habe in meinem Leben nie darüber nachgedacht, ob ich jetzt an den Freien Willen glaube oder nicht. Nie hat mir die Frage jemand zur Beantwortung vorgelegt. Nie hatte ich das Gefühl, mich entscheiden zu müssen: So, ich entscheide mich jetzt dafür, nicht mehr an den freien Willen zu glauben oder umgekehrt. Aber immer wenn ich jemanden Schuld zusprach, habe ich unbemerkt den Freien Willen mitgedacht und seine Idee tiefer in mich eingegraben. Ich habe mich zum Schuldgeben nie entschieden. Ich habe es einfach getan. Immer wenn ich schuldig gesprochen wurde, habe ich implizit den Freien Willen als Konzept bestätigt, wenn ich dem Schuldgeber recht gab. Auch das passierte einfach von klein auf.

Hast Du Dich irgendwann, für Deine Variante entschieden? Jetzt sitzen wir hier und haben zwei so grundlegend verschiedene Haltungen zum Leben. Du hältst Dich und mich in einer permanenten versteckten Vorwurfshaltung für schuldfähig und versklavst Dich damit, ohne es zu realisieren, stetig anzunehmen, Du wärst mehr und besonderer als der Lebensfluß. Deine Freiheitsannahme löst -der Idee unabänderlich innewohnend- eine stete Suchbewegung nach dem RICHTIGEN aus und als geistiges Gesetz das Spiegelphänomen – die Angst vor dem FALSCHEN. Ist Dir vertraut, nehme ich an. Dichotomie, Polarität, Dualismus, Trennung– wenn unerkannt: Schizo!

In mir läuft das Gleiche ab. Bloß lebe ich in einer Situation, wo immer, wenn ich (Verstand) mich in solcher Art Denken entdecke, das Irrtümliche daran aufleuchtet und die Schuldidee in sich selbst zusammenstürzt. Und manchmal entdeckt mein Verstand sein schuldgebendes Irrtumsdenken nicht. Geht mir eben so. Habe ich mir nicht ausgesucht. Ich beschreibe hier meine Situation, da mir daran einiges interessant vorkommt.

An dieser kleinen simplen Idee, ich hätte in der gleichen Situation auch anders handeln können, hängt ein ganzer Rattenschwanz. Diese kleine simple Idee ist in unserer Kultur in allem versteckt und die Botschaft hat unser Geist schon mit der Muttermilch aufgesogen. Wir wurden so informiert, uns anstrengen zu müssen. Unsere Form ist Anstrengung. Schau aus dem Fenster. Wo da draußen in der nichtmenschlichen Natur siehst Du Anstrengung? Wo ist da Schizophrenie?

Dabei ist es nur eine Idee, die der Verstand irrtümlich ernst nimmt. Und irrtümlich bedeutet, er nimmt etwas für real, was es nicht gibt. Dafür braucht es als geistiges Gesetz auch die Gegenidee. Wie formuliert Dein Verstand eigentlich meine Idee? Die Idee, keinen freien Willen zu haben. Hast Du dafür Worte?

Die Sprache ist für die Lösung dieses Freier-Wille-Paradoxes bedeutsam. Die Verfechter des freien Willens behaupten, ich hätte in der gleichen Situation so oder so handeln können. Was passiert bei diesem Gedanken? Lasst uns langsam und exakt vorgehen.

Unser Verstand doppelt dabei einen Weltmoment! Lass es wirken. Denk nach. Gibt es real einen doppelten Moment?

Wenn ich jemanden für eine vergangene Tat schuldig spreche, habe ich in meinem Geist zum einen die Information der Tat. Nun kommt bisher unhinterfragt aus dem Unendlichen meines Verstandes eine virtuelle Idee dazu. Die Idee, wie wäre es gewesen, wenn der Täter, sich anders entschieden hätte. Na besser natürlich. Schon verstehbar die Idee. Bloß es gibt im Leben keinen zweiten Moment. Wir leben in Echtzeit, Leute. Und Deine abgefahrene Idee vom freien Willen und von hätte,hätte,fahrradkette findet auch in Echtzeit statt, was bedeutet, Du kannst nicht anders denken, als Du gerade denkst. Alles was ist, IST, JETZT, ABSOLUT und auch unser Verstand IST.

Bloß das es diesem in den Sinn gekommen ist, er wäre außen vor und könne hier so ein bißchen rummfummeln. Er bemerkt sein eigenes Gefummeltsein nicht. Wird es klarer?

Mein Verstand schöpft mit der Idee des auch anders gekonnt haben, nicht nur einen zweiten Zeitpunkt mit einem zweiten Zeitstrahl, nein er kreiert auch einen zweiten Raum und zweiten Täter (der dann keiner mehr sein soll) usw. Nun wissen wir spätestens seit Einstein, dass Zeit nix reales ist. Real ist bloß unsere illusionäre Vorstellung, dass Zeit außerhalb unseres Geistes real sei.

Wo geraten wir hin, wenn wir einen nichtexistierenden Zeitpunkt auch noch verdoppeln?

Wir werden verrückt und verhalten uns auch so. Und jetzt schau mal nicht aus dem Fenster, sonder schau Dich in Deinen vier Wänden um und hole Dir dort die Erlaubnis ab, den Großteil dessen, was Du da siehst inklusive Dir selbst, für verrückt zu halten. Verrückt aus dem realen immer echten live-übertragenem Leben hin in eine Vorstellung von diesem Leben. Du bist nicht draußen, sondern drin. Und wer drin ist, ist geborgen, ist eingewoben in das Leben und hat dort und wird dort nie etwas Verkehrtes tun. Aus der Sicht des Lebens gibt es so etwas wie Verkehrt gar nicht. Dann ist selbstverständlich auch Deine Idee vom Freien Willen nicht verkehrt. Sie findet einfach statt. Und die Idee, der freie Wille ist eine Illusion, findet auch statt. Und mein Gelaber darüber findet statt. Und weiter geht es. Kein Entkommen. Weiße Flagge hissen und weiter.

Zu jeder Idee, zu jedem Begriff, zu allem Sein gibt es je ein Gegenstück. So wie schwarz zu weiß muß es zu frei auch unfrei/versklavt geben. Du, der Du den Freien Willen zu haben glaubst, wo siehst Du eigentlich den unfreien Willen? Und wenn Du ihn bei Dir siehst, woher kommt (und wer trifft) die Unterscheidung, ob Dein Schokoladefuttern/NichtBioKaufen/Pornoschauen gerade frei oder unfrei war? Antworte!

Wenn wir das nämlich nicht beantworten können, und das ist mein ultimativer Vorschlag zur Güte, dann entlarvt sich die Freie/Unfreier Wille Diskussion als bloße rhetorische Übung.

Wer auf die Frage, ob seine Verfehlungen einem freien oder unfreien Willen entsprungen sind, wissend klar überzeugt antwortet, dem sei der Sokrates mit seinem „ich weiß, dass ich nichts weiß.“ anempfohlen. Den Satz in immer tieferen Spiralen hinterherdenken.

Ein WILLE ist weder frei noch unfrei. Er ist w i r k s a m. Bei Buddha gibt es nur Handlung und keinen Handelnden. Da ist gar keiner, der frei sein könnte. Letztlich führt die Diskussion um den Willen direkt zum Aufwachen/Erleuchten.

Ich habe noch nie etwas geschrieben, was ich nicht nicht hätte schreiben können. Du wirst immer nur Dinge tun, die Du nicht nicht tun kannst.

Niemand ist mehr Sklave, als der sich für frei hält, ohne es zu sein.   (J. W.v. Goethe)

Umso unfreier ich mich begreife, desto freier bin ich. Freiheit. Habe ich zu viel versprochen?

In einem Wisch wird dabei folgendes als illusionäre Idee entlarvt: Schuld, Vorwurf, Stolz, Ehre, Dünkel, Selbstbeschuldigung, Scham, Moral, Lob, Tadel, Strafe usw.

Ein Haken bleibt. Wir haben nicht mal die Freiheit, Erkenntnis herbeizuführen. Freiheit und Versklavung gehören zusammen. Wie ich mein Leben gerade empfinde, ist nicht in meiner Hand. Sich versklavt frei zu fühlen ist Gnade.

Stefan